Zwei Babos in Pune und Slums in Mumbai

Eine gute Nachricht vorweg: Karl und ich haben es unglaublicherweise tatsächlich geschafft, die Indien-Reise ohne Lebensmittelvergiftung zu überstehen! Wer hätte das jemals für möglich gehalten?! Was vielleicht dabei geholfen hat, waren Kapseln mit probiotischen Bakterien die wir regelmäßig einnahmen. Diese sollen die Darmflora unterstützen, indem vor allem die „bösen“ Bakterien abgehalten werden, sich niederzulassen und ein Kumpel aus Norwegen hatte mir diese Kapseln empfohlen, da er damit auch unversehrt durch Indien gekommen war.
Wir waren zusätzlich aber auch sehr sehr vorsichtig und aßen nur vegetarisch (bis auf zwei kleine Ausnahmen von Karl), frisch gekochte/gebratene Gerichte, verrichteten das Zähneputzen mit Wasser aus Flaschen und hielten uns sogar der Versuchung von allen Fruchtshakes und Säften fern.
Denn obwohl unser Motto zwar eigentlich „no risk, no fun“ war, beachteten wir gleichermaßen den Grundsatz „better safe than sorry“!

Von Mumbai sollte es somit erstmal mit dem Zug weitergehen nach Pune. Auf dem morgendlichen Weg zum Bahnhof wollten wir eine Abkürzung nehmen und gerieten in eine Gasse, die uns den wohl abstoßendsten Moment unserer Indien-Reise beschwerte: In der Gasse wurde wohl Fisch verarbeitet, jedenfalls lagen überall zerpulte Fischteile und es stank unfassbar widerlich und den ganzen Boden bedeckte ein klebriger Schleim und überall Dreck und Müll. Als wir endlich wieder dort raus kamen, waren wir wirklich extrem erleichtert.
Bei der Zugfahrt bot sich uns entgegen unserer Erwartungen leider keine schöne Landschaft. Zu sehen gab es stattdessen Smog, viel Müll und Mietskasernen. Bei der Zugfahrt unterhielten wir uns mit einem Inder und als wir ihn zu Indiens Beziehung zu Pakistan fragten sagte er, das sei gegenwärtig nicht so gut, es habe schon lange kein Cricket Match zwischen den Ländern mehr gegeben.
Welch ein höchst interessanter Maßstab für diplomatische Beziehungen! Ich schätze zwischen Deutschland und Griechenland hat es auch schon lange kein Cricket Match mehr gegeben…

Hier ein paar Bilder von der Zugfahrt:

In Pune angekommen fuhren wir mit dem Taxi erstmal zum falschen Hotel (das einfach mal genau den gleichen Namen hatte), denn wie schon gesagt läuft in Indien ja immer alles schief. Den Abend verbrachten wir dann mit Essen und erkundeten ein wenig die Nachbarschaft.
Das Sightseeing ging dann am nächsten Tag so richtig los mit dem Besuch des Aga Khan Palace der dafür berühmt ist, dass Gandhi dort viel Zeit unter Hausarrest verbracht hat und seine Frau irgendwann dort starb. Zeitgleich besuchten auch mehrere Schulklassen die Anlage, für die wir scheinbar eine gewisse Attraktion darstellten. Außerdem ging es noch zu einem Tempel.

Danach hatte ich eine wichtige Skype-Konferenz, bei der aber das Internet mal wieder sehr große Probleme bereitete, während Karl alleine auf Tour ging und mit zahlreichen indischen Hochzeits-Einladungskarten als Postkarten wiederkam.

Am nächsten Tag bestiegen wir einen kleinen Hügel auf dem sich auch ein Tempel befand, um von dort eine hervorragende Aussicht über die Stadt zu genießen. Dann war der Plan eigentlich ein bisschen auf Shoppingtour zu gehen, aber irgendwie schafften wir es nicht, das Geschäftsviertel mit Hochzeitssachen und Frauenkleidung zu verlassen (in Asien scheinen die Geschäfte generell meist thematisch sortiert zu sein) und gaben dann irgendwann müde und frustriert auf.
Für den Abend hatte Karl uns über meinen eigentlich stillgelegten Tinder Account ein „Date“ mit einer Inderin klar gemacht, mit der wir uns in einer Bar treffen wollten. Vorher holten wir uns aber noch eine T-Shirt Bestellung ab, die wir am Vortag gemacht hatten: Unsere extra angefertigten „Babos am Start“ T-Shirts :D

No COmment...

No COmment...

Dann trafen wir uns mit der Inderin und stellten ihr ein paar Fragen zu den indischen Eigenarten (Kopfwackeln und ob die streunenden Kühe eigentlich irgendwem gehören), die sie uns aber leider nur unzureichend beantworten konnte. Sie schien auch eher aus der indischen Oberschicht zu kommen und hatte sogar ein Auslandssemester in Aachen verbracht, weshalb ihr Lebensstil wohl auch ein wenig westlich geprägt schien. Es war aber insgesamt ein ziemlich cooler Abend.
Hier noch ein paar Bilder unserer Erlebnisse in Pune:

Am nächsten Tag ging es dann wieder zurück mit dem Zug nach Mumbai wo wir erstmal hart auf Shopping-Tour gingen. Ich ersteigerte unter anderem ein gutes Dutzend Curry-Mischungen, damit ich zuhause erstmal ordentlich mit dem Indisch-Kochen loslegen kann. Insgesamt fiel jedoch auch dabei wieder auf, wie wenig Touristen in Mumbai/Indien unterwegs sind und insgesamt sahen wir bei unserer gesamten Mumbai Reise wahrscheinlich kaum viel mehr als 20 andere Touristen.

Am vorletzten Abend beschloss ich, auch noch eine Rasur bei einem der winzigen Frisörläden zu wagen. Ich hatte mich noch nie nass rasiert (immer nur mit Elektrorasierer) und wollte das mal ausprobieren. In dem winzigen Laden arbeiteten 5 Inder, deren Hauptkonzentration jedoch weniger beim Haarschnitt war, sondern vielmehr bei einer indischen Fernsehserie, die sie nebenbei schauten. Außerdem wurde ich während meiner Rasur von meinem Frisör einmal kommentarlos angerülpst :D

Für den letzten Tag hatten wir mit der NGO Reality Tours eine Tour durch das Slum Dharavi gebucht.  Fotos waren bei der Tour aber leider verboten, um etwas Respekt zu wahren…
Es war ein ziemlich krasses Erlebnis - insgesamt schien es mir ein bisschen so, wie die Menschen im Mittelalter gelebt haben müssen, mit vielen Menschen auf engstem Raum unter minimalistischen Lebens- und Arbeitsbedingungen (abgesehen von dem ganzen Plastikmüll etc.). Beeindruckend und wohl auch eine Besonderheit des Slums war jedoch, was dort alles an Gütern unter einfachsten Arbeitsbedingungen hervorgebracht wird. Es wird sehr viel recycelt, Körbe geflochten, Tongefäße erstellt, Leder verarbeitet, Handtaschen und Koffer hergestellt und sogar Aluminium gegossen und aufbereitet. Uns wurde erzählt, dass die meisten Menschen auch direkt in ihrer Arbeitsstätte schlafen, um Kosten für eine Unterkunft zu sparen und so dann in einem 12 m² Raum in dem z.B. Kleidung genäht wird dann auch gleichzeitig vier Leute wohnen. Ein typisches Einkommen ist dann etwas wie 3$ pro Tag.
Und dann überall dieser Müll… wir kamen an kleinen Plätzen vorbei die komplett von Müll bedeckt waren und auf denen Kinder spielten. So ein Anblick macht einen schon ein bisschen fertig aber andererseits ist es dann auch wieder komisch, Kinder zu sehen die dort toben und lachen und scheinbar trotz dieser Bedingungen einfach Kinder sein können.
Trotz alledem muss ich jedoch sagen, dass ich es mir noch deutlich schlimmer vorgestellt hatte und nicht derart erschütternd empfand, wie ich erwartet hätte. Karl ging es ähnlich und wir fragten uns erst, ob wir durch die Reisen schon derart abgestumpft seien. Wir kamen jedoch zu dem Schluss, dass die materielle Armut zwar erdrückend sei, aber es beispielsweise im Gegensatz zu der krassen Armut in Manila hier sehr viel humaner zuging und vor allem der Umgang der Menschen untereinander ein ganz anderer ist: Die meisten Menschen bringen sich gegenseitig Respekt und Wertschätzung entgegen, scherzen und lächeln viel und es gibt wenig Kriminalität sodass man sich generell sicher fühlen kann. Im Gegensatz dazu hatten wir in Manila das Gefühl, dass wir für die Menschen nur wandelnde Geldbörsen sind und man sich dort eben auch untereinander weitgehend objektifiziert und kaum mehr als vollwertigen Mensch wahrnimmt. Und auch die materielle Ungleichheit war dort noch um einiges krasser mit funkelnden Shopping Malls vor denen die Menschen auf der Straße schliefen, während in Indien generell einfach wenig Luxus zu sehen ist, wodurch der Kontrast weniger krass ist.
Das alles soll aber natürlich nicht heißen, dass alles super ist, so wie es ist - im Gegenteil. 
Auf jeden Fall war die Tour aber eine ziemlich wertvolle Erfahrung für mich. Und es wurde mir wieder einmal bewusst, wie unfassbar privilegiert ich bin, so aufgewachsen zu sein wie ich bin. Dabei empfinde ich auch ein Gefühl der Verantwortung, mich für diese Privilegien würdig zu erweisen, indem ich etwas zurückgebe und meine Motivation, mich zurück in Deutschland für gesellschaftliche Veränderungen einzusetzen ist auf jeden Fall wieder ordentlich hoch.

Hier noch ein paar letzte visuelle Eindrücke von Indien:

Das war also Indien. Eine krasse Konfrontation mit dem Chaos und dem puren Leben. Ausgesprochen gut gefallen haben mir vor allem die Kühe, die überall auf den Strassen rumlaufen :D
Aber ich habe auch das Gefühl, wirklich erst einen kleinen Ausschnitt des Landes erlebt zu haben und kann mir gut vorstellen, dass es noch sehr viele weitere Facetten gibt, die mir dieses Mal verborgen geblieben sind.

Meine Gesamtausgaben für knapp einen Monat Indien betrugen ca. 800€ plus Flugkosten. 

Und es gibt wie in meinem letzten Post angedeutet größere Änderungen für meine weiteren Reisepläne:
Denn nach meiner Reise nach Pai, wo ich die Bekanntschaft mit der bezaubernden Chinesin Joanna gemacht hatte, blieben wir per Whatsapp und Skype sehr viel in Kontakt und haben schließlich beschlossen nun im März gemeinsam nach Myanmar zu reisen.
Der in Indien eigentlich anberaumte Meditationsretreat wurde dabei gewissermaßen in gegenseitigem Einvernehmen abgesagt, da es mich erstens nun selber stärker nach Myanmar als zur Meditation trieb und da das Retreat-Team zwei Monate nach meiner Anmeldung scheinbar plötzlich festgestellt hat, dass man doch bereits voll sei und für mich nun kein Platz mehr sei. Normalerweise hätte mich eine so kurzfristige und etwas schlecht begründete Absage sehr geärgert, aber so passte mir das natürlich ausgesprochen gut in den Kram (um es ökonomisch ausdzudrücken: Die Opportunitätskosten der Reise nach Myanmar waren quasi gesunken ;-) )
Mehr zu Myanmar erzähle ich dann in meinem nächsten Post.
Und mein Rückflug nach Deutschland ist mittlerweile auch gebucht: Ich werde am 25. März von Bangkok nach Frankfurt mit Condor zurückfliegen.