Mit dem Roller nach Pai

Den Retreat vorzeitig abzubrechen, hatte den Vorteil, dass ich eine zusätzliche Woche in Thailand mit Rumreisen verbringen konnte und dafür hatte ich beim vielen Meditieren schon einige Pläne geschmiedet.
Erstmal ging es für mich aber zurück in die Stadt um mich vollzufuttern und dabei merkte ich, dass ich doch ganz schön fertig war von der Tempelerfahrung und vielleicht erstmal einen Tag Pause machen sollte. So zog ich in das gemütliche Bodhi Tree House, das ich dank dem anliegenden vegetarischen Restaurant entdeckt hatte und ließ mir Tipps für die weiteren Tage geben. Ich hatte mir überlegt, als nächstes noch weiter in den Norden in das gechillte Örtchen Pai zu fahren und rang noch mit mir, ob ich mir die ca. 4h Rollerfahrt durch die Berge alleine zutraute. Schließlich entschied ich, noch am Nachmittag einen Roller zu mieten und in der Stadt herumzufahren, um mich ein wenig auszutesten. Ich kam mit dem Gerät im dicht-chaotischen Verkehr der Stadt aber überraschend gut zurecht und fühlte mich sogar ziemlich sicher.
Also war ein Entschluss gefasst: Am nächsten morgen sollte es früh morgens los gehen nach Pai! Den Rest des Tages machte ich noch ein paar Erledigungen und verpasste mir einen neuen Haarschnitt. Die Frisörin nahm sich dabei sehr viel Zeit (was mich optimistisch stimmte) aber als sie fertig war und ich meine Brille aufsetzte, um das Werk zu begutachten hatte sich "gut Ding braucht Weil" leider nicht erfüllt. Der Pony viel zu kurz aber dafür die Seiten komisch lang - naaaaaaaaja! Aber Haare wachsen ja zum Glück nach...

Am nächsten Morgen stand ich um 7 Uhr auf, ließ mein großes Backpack bei der Unterkunft zurück und packte nicht viel mehr als ein paar Unterhosen, Badesachen und meinen Laptop in meinen Tagesrucksack, was wie ich hoffte, für die nächsten Tage reichen würde.
Und los ging die Fahrt! So früh am morgen war es noch ziemlich kalt und auch der Fahrtwind war ziemlich stark. Als ich daher nach ca. 50 min Fahrt das erste mal stoppte merkte ich, dass ich komplett ausgekühlt war - vom konzentrierten Fahren hatte ich scheinbar meine Körpertemperatur vergessen.... Also zog ich mir schnell alle Kleidung über, die ich noch im Rucksack hatte, suchte ich mir das nächste Cafe, bestellte mir einen heissen Tee und stellte mich in die Sonne um mich aufzuwärmen, was dann auch durchaus erstmal 15 min dauerte. 

Selfie beim Roller Fahren

Selfie beim Roller Fahren

Wieder aufgewärmt verließ ich nach ca. einer Stunde Fahrt die Hauptverkehrsstrasse, denn nun führte der weitere Weg durch die Berge mit wunderschönen Berg- und Waldkulissen, an denen ich vorbeidüste. Die Strasse war berühmt-berüchtigt für insgesamt 762(!) Kurven und hatte auch ein paar Schlaglöcher, aber mit entsprechend reduzierter Geschwindigkeit war das alles kein Problem und die Rollertour war insgesamt eine ziemlich spaßige Angelegenheit. Die Alternative wäre gewesen, mit einem Touri-Kleinbus zu fahren, aber laut Erfahrungsberichten übergibt sich bei der kurvenreichen Fahrt so mancher Fahrgast und ich war ziemlich froh, dass ich mir das ersparen konnte.

Inklusive Pausen war ich aber dann doch stolze 7 Stunden unterwegs, bis ich in Pai komplett erschöpft ankam. Als Unterkunft hatte ich ein ziemlich nettes, kleines Bungalow-Hüttchen am Ortsrand gebucht und den restlichen Tag verbrachte ich hauptsächlich mit Essen :D Übrigens komme ich immer besser mit der Schärfe des Essens klar, was für Indien vielleicht gar keine schlechte Vorbereitung ist - nicht, dass ich dort vor einem selbstmörderisch scharfen Gericht sitzend verhungern muss...

Den nächsten Tag, Sonntag, ging ich dann wandern zu einem Wasserfall. Die Natur war ziemlich beeindruckend und einmal trat ich tatsächlich fast auf eine Schlange die dann weghuschte und im Flusswasser verschwand! Uiuiuiuiuiui!
Auch vor wilden Krokodile, blutrünstigen Hornissen und angriffslustigen Nashörnern musste ich mich auf dem Weg mehrfach verteidigen, aber meiner Bambusstock-Kampftechnik hatten die Bister wenig entgegenzusetzen und eins nach dem anderen kickte ich todesmutig in das Flussbett zurück.

Die Schlange gab es sogar wirklich! Hier habe ich noch rechtzeitig ein BeweisFoto geschossen bevor sie ganz weg war...

Die Schlange gab es sogar wirklich! Hier habe ich noch rechtzeitig ein BeweisFoto geschossen bevor sie ganz weg war...

Meine thailändische Gastwirtin hatte mir gesagt, die übliche Wanderdauer sei ca. 4 Stunden und diese Zeit wurde von mir natürlich sofort als Herausforderung aufgefasst, die es deutlich zu unterbieten galt. So schaffte ich es auch tatsächlich mit 5 min Vorsprung vor den nächsten Wanderern als allererster des Tages zum Wasserfall, wo ich im sehr, sehr kalten Wasser badete und mir eine gratis Rückenmassage durch den beachtlich-starken Wasserfallstrahl genehmigte. Ein paar Bilder von der Wanderung:

Meinen eigentlichen Geschwindigkeitsrekord stellte ich jedoch beim Rückweg auf, den ich dank einiger Laufetappen in 80 Minuten schaffte und damit höchstvermutlich einen neuen Weltrekord aufstellte! Nach diesen sportlichen Höchstleistungen verbrachte ich den Rest des Tages mit Essen... :D

Am Montag wurden meine Pläne dann vom Wetter durchkreuzt, denn - man glaubt es kaum - es regnete heftig und wurde äußerst kalt (so ~12°), was für mich durchaus problematisch wurde. Ich hatte nämlich nur eine kurze Hose und dünne Kleidung eingepackt, für mein kleines Holzhüttchen war Isolierung ein Fremdwort und so etwas wie eine Heizung gehörte natürlich nicht zur Grundausstattung. Abgesehen von ein paar Restaurant-Fahrten verbrachte ich daher den Großteil des Tages im Bett und kuschelte mit mir selber und meiner aus irgendeinem Grund angenehm nach Melone riechenden Bettdecke. So war ich immerhin recht produktiv, bearbeitete einige Emails und abends guckte ich den Film "The Revenant" in der Leonardo DiCaprio als Trapper in bitterer Kälte ums Überleben kämpft - quasi genau meine Situation!

Den Vortag war ich auch umgezogen ins Tony Guesthouse und Tony stellte sich als sehr relaxter Thai mit Dreadlocks heraus, der den Anschein machte, gerne mal den ein oder anderen Joint zu rauchen. In Pai scheinen generell so einige Hippies zu leben...

Dienstag war das Wetter leider auch nicht viel besser, aber mit meinem kuschligen Bettchen hatte sich mittlerweile bereits eine intensive Freundschaft entwickelt, die es dann eben zu pflegen galt. 

Mein Hüttchen (nur die linke Seite) bei Tony

Mein Hüttchen (nur die linke Seite) bei Tony

Zur Neid-Erzeugung im Folgenden noch ein paar Bilder von lecker Happi-Happi für Lino für je ca. 1€!

Am Mittwoch wurde das Wetter zum Glück etwas besser und so konnte ich ein bisschen Sightseeing nachholen. Da es beim Roller-Fahren aufgrund des Fahrtwindes aber immer noch recht frisch war, kaufte ich mir vorher noch eine gebrauchte Jacke für 2,50€, die sehr gut zu meinem Haarschnitt passte - sah nämlich auch schön scheiße aus und auch zu kurz! :D ...aber wärmte ganz gut.

 Als erstes fuhr ich zu Pai's "Grand Canyon", der ganz nett war und gute Ausblicke bot (aber auch nicht viel mehr).

 

Pai's Grand Canyon - Fast wie das Amerikanische Original - naja ein kleines bisschen jedenfalls...

Pai's Grand Canyon - Fast wie das Amerikanische Original - naja ein kleines bisschen jedenfalls...

Ich trage meine neue Jacke auf!

Ich trage meine neue Jacke auf!

Dann fuhr ich noch zu einem kleinen Wasserfall (der aber auch nicht allzu spektakulär war) und besichtigte eine kleine Fruchtplantage, wo ich Papayabäume und Passionsfrucht-Pflanzen zu sehen bekam. Danach fuhr ich erstmal wieder zurück zu meinem Hüttchen und da mein Hals mittlerweile tatsächlich wieder gesundet war, war es mir nun endlich gestattet, ein bisschen zu socializen! Somit unterhielt ich mich den Rest des Tages mit der Chinesin Joanna, die im Nebenhüttchen wohnte und ihren Job in Peking aufgegeben hatte, um einige Monate zu reisen und sich neu zu finden. Insbesondere als Chinesin ist das eine ziemlich mutige Entscheidung und ich fand ihre positive Ausstrahlung und Lebensfreude bewundernswert. Wir führten einige ausgesprochen interessante Gespräche, fuhren abends noch zu einem Aussichtspunkt-Tempel und rundeten den Tag ab mit Völlerei bei einem ausgiebigen Abendessen.

Mit Joanna beim Aussichtspunkt-Tempel

Mit Joanna beim Aussichtspunkt-Tempel

Im Folgenden noch diverse Impressionen aus und von Pai:

Am nächsten Tag (Donnerstag) sollte es für mich bereits wieder zurück nach Chiang Mai gehen aber für den Vormittag war ich noch einmal mit Joanna verabredet, um gemeinsam einen Hotspring zu besuchen. Die Rollertour dahin war ziemlich cool und führte mal wieder durch wunderschöne Landschaften und auch der Hotspring war ganz cool - klein aber fein! Danach gingen Joanna und ich zum Abschied noch einmal Mittag essen. Es war wieder einmal faszinierend, wie schnell wir innerhalb zweier halber Tage Freundschaft und Vertrautheit entwickelt hatten. Beim Abschied war ich daher auch ein bisschen wehmütig, da ich gerne noch mehr Zeit mit ihr verbracht und sie noch besser kennen gelernt hätte. Aber wer weiss, vielleicht gibt es ja irgendwann ein Wiedersehen in Deutschland oder China.

Mit dem Roller zum Hotspring

Mit dem Roller zum Hotspring

Handstand im Hotspring!

Handstand im Hotspring!

Somit tankte ich nochmal voll auf und los ging die Fahrt durch wieder einmal 762 Kurven. Ich war durch die viele Fahrpraxis der letzten Tage mittlerweile mutiger geworden und fuhr deutlich schneller als bei dem Hinweg, auch da es kaum Verkehr gab. Die Landschaft düste nur so an mir vorbei! Wenn sich aber mal Verkehr irgendwo häufte, kannten die Thais keine Vernunft und ich sah große LKWs (das waren die schlimmsten) irgendwelche anderen Autos in der Kurve überholen, wo man wirklich nichts, gar nichts, kommen sah - völlig wahnsinnig!!! Aber als Rollerfahrer konnte ich in der Regel einfach auf dem Seitenstreifen fahren und war von sowas daher zum Glück weitgehend unbekümmert

Bei der Fahrt durchlebte ich einige sehr emotionale Momente und fühlte mich gleichzeitig ein bisschen wehmütig, über das was hinter mir lag, erwartungsvoll über das was vor mir lag und voll tiefer Freude über den intensiven gegenwärtigen Augenblick der Fahrt und der Landschaftskulissen um mich herum. Einfach verdammt geil dieses Rumreisen!

In einer Kurve sah ich dann plötzlich ein größeres Stück Schrott auf der Strasse liegen und wollte es mit meinem Fuss wegkicken, damit nicht der nächste Rollerfahrer darüber stürzt aber kurz bevor ich mein Bein für den Kick anwinkelte, bewegte sich das Teil plötzlich und ich erkannte dass es sich nicht um ein Stück Müll, sondern um eine Schlange handelte! Crazy shit!!! Das Gerät war auch gar nicht so klein und lag dort in Verteidigungsposition zusammengerollt mit dem Kopf angriffslustig herausgestreckt. Ich hielt direkt erstmal an, um völlig fasziniert ein paar Fotos zu schießen und versuchte sie dann auch von der Strasse zu vertreiben, damit sie nicht überfahren wird - aber ohne Erfolg. Naja, meiner Meinung nach nicht der beste Ort für einen Schlangen-Hangout aber das muss jeder selber wissen!

Das Teil war durchaus unterarmdick!

Das Teil war durchaus unterarmdick!

Insgesamt war ich diesmal statt 7h nur 4,5 h unterwegs aber das letzte Stück auf der Schnellstrasse nahm mich ziemlich mit. Ich war in die Rush-Hour geraten und vor allem aufgrund des Chaos-Fahrstils hier war das kein Zuckerschlecken. Die Strasse verlangte konstant 100% Konzentration, da ich sowohl auf Schlaglöcher vor mir achten musste, als auch auf verrückt-überholende LKWs hinter mir und sowieso den ganzen dichten Verkehr um mich herum. In der Stadt bei 20-30kmh war das kein Problem aber mit 60 Sachen wurde das schon ziemlich stressig und hier langsamer fahren bedeutete nur, dass man noch viel mehr überholt wurde, was die Sache wirklich nicht besser machte...

Sehr erleichtert, diesen Scooter-Trip unversehrt überstanden zu haben, erreichte ich schließlich am Abend Chiang Mai - aber davon dann berichte ich dann im nächsten Post!