Ein unerwartet kurzer Meditationsretreat im Wat Ram Poeng

Der Plan:
Beim Meditationsretreat im buddhistischen Tempel Wat Ram Poeng für 10 Tage nicht sprechen, schreiben, lesen und nur 2x/Tag essen aber dafür stundenlang meditieren.

Einen ähnlichen Retreat hatte ich bereits für Indien im März angesetzt, aber da ich die letzten Tage an einigen Dingen genagt hatte und sehr viele Gedanken in meinem Kopf kreisten und ich auch immer noch etwas Husten hatte, schien es mir eine gute Sache, um mich ein bisschen zu erden und vielleicht ein kleines bisschen Erleuchtung zu finden.

Abends: In der Halle sitzen die Mönche beim Chanting

Abends: In der Halle sitzen die Mönche beim Chanting

Tag 1:
Um kurz vor 8 Uhr morgens kam ich beim Tempel an und meldete mich beim Büro für ausländische Besucher. Wir waren dann irgendwann ca. 6 Leute, die an dem Tag einen Retreat beginnen wollten und in dem Büro warteten drei Europäer und drei Chinesen. Der für uns zuständige Mönch/Lehrer schien mir direkt ein wenig durchgeknallt. Zum Beispiel wurde ihm zwischenzeitlich ein Fruchtsaft gebracht, der ihm offensichtlich nicht schmeckte. Während wir warteten, war er jedenfalls die nächsten Minuten voll und ganz damit beschäftigt, jeweils einen kleinen Schluck zu nehmen, das Gesicht zu verziehen und laut "Noinoinoi!!!" zu rufen und dann der nächste Schluck. Er machte mehrere solch komischer Sachen und wir Neulinge tauschten Blicke aus und mussten tatsächlich ein bisschen an uns halten, nicht loszulachen, was uns nicht immer gelang - aber ihn wohl nicht weiter störte.

Dann ging es weiter mit einer Führung durch die Tempelanlage, bei der er uns mit einigen Grundregeln vertraut machte. Dank seiner wirren und langwierigen Erläuterungen dauerte die Einführung dann auch direkt den ganzen Tag, obwohl man es mit etwas Systematik und Struktur auch locker in 1-2 Stunden hätte schaffen können. Langsam schlug mein Amüsement dann auch in um in Genervtheit. Fragen schien er grundsätzlich nicht zu verstehen, aber antwortete dann beispielsweise auf die Frage, ob alles Essen aus Spenden komme etwas wie "Nooooow! Need more practice, öh! Thinking, there see! Jajaja! Here heaaaaart! Meditation important, understaaaaand? No suffering, there, there, there, see?...."

Aber immerhin war mein Zimmer super - sehr simpel und sauber mit Balkon und eigenem Bad. Und auch das Essen war gut. Es gab aber nur zwei Mahlzeiten pro Tag, nämlich einmal um 6 Uhr Frühstück und um 10:30 Uhr Mittagessen :-/
Vor jedem Essen musste aber erstmal Buddha durch drei Verbeugungen gegrüßt werden und diverse Sätze auf Pali (Indische Sprache) als "Chanting" aufgesagt werden, was sich durchaus sehr lange hinzog.
Mich verwunderte auch etwas, dass es die Wahl gab zwischen Fleischgerichten und vegetarisches Gerichten, denn einer der Vorsätze, zu dem man sich bekennen sollte, war, keine Lebewesen zu töten und dieser Vorsatz schien mir schwierig mit Fleischkonsum vereinbar.

Eine Nonne hatte nach dem Mittagessen noch eine "wichtige" Ankündigung für uns und zwar wurden wir instruiert, wie wir für den übernächsten Tag auf korrekte Weise dem vorsitzenden Mönch zu seinem Geburtstag an einem "money tree" Geld spenden könnten. Dies wurde uns in ca. 20 Minuten sehr ausführlich und nachdrücklich mitgeteilt, denn die Tempelanlage brauche eine neue und großere dining hall...

Dann kam die Einführungszeremonie mit dem vorsitzenden Mönch. Wir mussten uns vor ihm kniend mit gefalteten Händen gefühlte 100 mal verbeugen, irgendwelche Sätze auf Pali nachsprechen und ihm eine Opfergabe mit Kerzen und Räucherstäbchen überreichen.

Langsam kam in mir die etwas verstörende Frage auf, spinne ich oder alle anderen?

Danach trafen wir uns wieder mit unserem Lehrer, dem verrückten Mönch. Wenn er nicht gerade mit seinem Handy telefonierte, instruierte uns in der Gehmeditation, d.h. wie wir auf korrekte Weise besonders langsam gehen und uns danach auf korrekte Weise wieder hinknien sollten. Außerdem bekamen wir kleine Wecker, deren Alarm wir jeweils auf 15 Minuten stellen sollten, denn ab dann war im Wechsel 15min Sitzmeditation und 15min Gehmeditation praktizieren angesagt. Mit der Gehmeditation konnte ich allerdings nicht so viel anfangen und das andauernde Weckerpiepen von den ganzen Leuten machte die Sache nicht besser :-/
Außerdem gab es in den Meditationsräumen auch Überwachungskameras, welche unser Lehrer uns sehr stolz zeigte. Ich verstand jedoch nicht so recht, ob die dazu da waren, uns beim Meditieren zu überwachen oder wofür die sonst gut sein sollten...
Von draußen wurden wir zudem von Baulärm berieselt, sowie ab und an von Lautsprecheransagen, die durch die ganze Anlage schallten.

Übrigens liefen alle Leute im Tempel in weißer Kleidung herum, was mich ein bisschen an eine Nervenklinik erinnerte - aber vielleicht war der Vergleich auch gar nicht so unpassend.

Leute bei Sitz- und Gehmeditation

Leute bei Sitz- und Gehmeditation

Wie das Vorherige vielleicht vermuten lässt, wuchs bei mir sehr schnell die Entscheidung, dass ich diesen Retreat möglicherweise vorzeitig abbrechen würde und ich überlegte bereits intensiv, wie bald ich mich wohl am Besten verabschieden sollte. Naja, so schnell und spontan wie die Entscheidung für den Retreat gekommen war, so schnell ging sie nun scheinbar auch wieder dahin.

Zum Abendessen genehmigte ich mir noch heimlich eine Packung Kekse, die ich mir am Vorabend in weiser Voraussicht für den Notfall gekauft hatte und schrieb ein paar Gedanken nieder, womit ich dann auch direkt zwei Regeln brach. Das Schreiben half mir aber dabei, meine Gedanken ein wenig zu ordnen und auch die positiven Seiten wieder zu sehen. Der Lehrer-Mönch etwa hatte durchaus auch eine sehr liebenswürdige und herzliche Seite und der Laden konnte ja schließlich nichts dafür, dass ich andere Erwartungen gehabt hatte. Eine höchst interessante Erfahrung war es allemal und ich beschloss, zumindest noch den vollständigen nächsten Tag zu bleiben und dann am nächsten Abend eine Entscheidung zu fällen, wie lange ich dabei bleiben würde.

Tag 2:
Der Tag fing schon mal gut an: Um 4 Uhr morgens gingen die Morgenglocken. Völlig verstört von der Frühe schlief ich direkt wieder ein.
Als ich das nächste Mal die Augen aufschlug und auf die Uhr schaute war es 6:20. Shit! Um 6 Uhr war nämlich das Frühstück vorgesehen und die Regel war: Wer zu spät kommt, bekommt nix und ich sah mich schon vorlieb nehmen mit einem Keksfrühstück... 
Ich hetzte also zur dining hall, nur um festzustellen, dass niemand da war, ging etwas verwirrt zu meinem Zimmer zurück und kaum war ich wieder angekommen, klingelten die Glocken zum Frühstück. Mit der Zeit nahm man es also scheinbar nicht so genau.

Nach einem Nudelsuppen-Frühstück war für alle erstmal Fegen vor der Unterkunft angesagt. Danach ging ich zu einem großen Baum und meditierte dort für mich allein 40 Minuten lang, was mir sehr gut tat und mich für eine Weile in einen sehr entspannten, bewussten Zustand brachte. Sehr deutlich wurde mir damit auch nochmal der Unterschied vor Augen geführt, von einem gegenwärtigen Bewusstseinszustand einerseits, in dem man jeden einzelnen Schritt bewusst wahr nimmt und daher automatisch relativ langsam geht und dem gezwungen langsamen Gehen wie wir es als Gehmeditation tun sollten andererseits.

Um 10:30 war dann Mittagessen angesetzt. Aufgrund des ganzen Chantings und Verbeugen-Prozederes ging es aber effektiv erst um 11 los, sodass das Essen natürlich kalt geworden war :-/ Der Inhalt des Chantings befasst sich auch damit, dass man eben nicht für Genuss und Völlerei essen soll, sondern allein um den Körper am Leben zu erhalten. Für mich waren die Anreize hierfür aber durchaus etwas suboptimal gesetzt, denn wenn die letzte Mahlzeit des Tages um 11 Uhr ist und dann bis zur Nachtruhe noch 11 Stunden vor einem liegen, dann muss ich mich ja quasi komplett vollzufressen, soviel wie reingeht ;-)
Nach 4 Stunden hatte ich aber trotzdem wieder Hunger, genehmigte mir daher um 5 Uhr einen Snickers und um 7 Uhr wieder ein Keks-Abendessen.

Den Nachmittag verbrachten wir wieder mit unserem Lehrer-Mönch mit zahlreichen Sitz- und Gehmeditationen unter seiner etwas wirren Anleitung. Meine Knie machten mir dabei jedoch große Probleme. Alle Sitzpositionen waren extrem schmerzhaft und wurden mit der Zeit immer nur noch schmerzhafter, sodass ich mehr und mehr Kissen einbaute, um es irgendwie bequemer zu machen, während die anderen fünf lediglich auf Ihrer dünnen Matte auf dem Boden saßen. Aber dass ich mich bei sowas mit meinem inelastischen Körper nicht unbedingt mit Ruhm bekleckerte kannte ich schon...

Außerdem gab es nachmittags noch eine "Reporting" Session bei der wir dem vorsitzenden Mönch berichten sollten, wie viele Stunden wir meditiert hatten (sehr großzügig gerechnet kam ich auf 8h) und Ratschläge erteilt bekamen. 

Angenehm war für mich insgesamt aber die viele Zeit zum Nachdenken und ich hatte durchaus ein paar interessante Ideen und Überlegungen, auch für meine weitere Zukunft nach dem Reisen. Und schließlich reifte auch die Entscheidung, bereits am nächsten Morgen dem Kloster den Rücken zu kehren. In Gedanken machte ich schon zahlreiche Pläne dafür, was ich alles in der neu dazu gewonnenen Woche in Thailand machen könnte.

Abends war es schließlich soweit und ich ging entschlossenen Mutes zu meinem Lehrer-Mönch und teilte ihm meine Entscheidung mit. Er schickte mich dann zum vorsitzenden Mönch und als ich diesem meine Entscheidung mitteilte, versuchte er mich mit ein paar "weisen" Worten zu überzeugen, doch noch zu bleiben aber da war nix mehr zu machen. So machte er mit mir die Abschiedszeremonie, bei der ich wieder einmal vor ihm kniend ein paar Worte in Pali nachsprechen und mich ein Dutzend mal verbeugte.

Um 20 Uhr ging ich schließlich bereits ins Bett, weil es nichts, wirklich einfach gar nichts mehr zu tun gab. Bereits um 2 Uhr wurde ich dann auch direkt wach und konnte nicht mehr einschlafen. Juhu, der Schlafrhythmus war schon wieder ruiniert!
So lag ich dann erstmal wach in meinem Bett und philosophierte vor mich hin. Um 4 Uhr morgens läuteten schließlich die Morgenglocken und zack konnte ich wieder einschlafen! :D

Tag 3:
Pünktlich um 6 zum Frühstück wachte ich dann aber zum Glück wieder auf, packte danach meinen Krams zusammen und meldete mich ab. Eine deutsche Nonne des Tempels sprach auch noch mit mir, um meine Entscheidung zu ändern, aber ohne Erfolg.

Selfie mit meinem Lehrer-Mönch

Selfie mit meinem Lehrer-Mönch

Außerdem war es noch Zeit, meine Spende zu machen (das Ganze war im Prinzip kostenlos auf Spendenbasis) und ich entschied mich insgesamt 50€ dazulassen. 25€ hatte ich bereits am ersten Tag gezahlt, als Kosten für Kleidung etc. und gab jetzt nochmal die Gleiche Summe dazu auch als Entschädigung für Essen, Logie und Entertainment, was mir für die 2 Tage angemessen erschien.

Bevor ich die Tempelanlage verließ, sprach ich aber noch mit einem der anderen Schüler mit denen ich begonnen hatte, da ich neugierig über dessen Perspektive war. Es stellte sich heraus, dass er auch aus Berlin war und meine Kritikpunkte zwar ähnlich sah, aber trotzdem determiniert war, das Ganze durchzuziehen und das Beste daraus zu machen. Er hatte die letzten Wochen auch schon mehrere Meditations-Retreats gemacht und schien bereits ziemlich fortgeschritten. Außerdem tauschte ich noch Kontaktdaten mit einem Chinesen aus, der mir vorab bereits positiv aufgefallen war, da er immer ein breit-schelmisches Grinsen auf dem Gesicht hatte, das Ganze offensichtlich auch nicht so ernst nahm und die ganze Zeit Leute anquatschte und durch die Anlage schlenderte. Er hatte wie ich vor, die nächsten beiden Monate nach Indien zu reisen und vielleicht würden wir uns da mal irgendwo treffen.
Auf der Rückfahrt im Taxi zurück ins Stadtzentrum von Chiang Mai sprach ich auch noch mit zwei anderen, die das Ganze länger durchgezogen hatten, aber auch nicht so ganz zufrieden waren.

Fazit:
Der Buddha war sicherlich extrem weise und viele Elemente der buddistischen Philosophie halte ich für sehr überzeugend, aber das hier schien mir eher wie eine Ansammlung von meinem Empfinden nach leeren Gesten, Praktiken und Zeremonien. Möglicherweise hatte ich bisher eine etwas verklärte romantisierte Sicht auf die buddhistischen Mönche und Kloster, eben weil ich die buddhistischen Lehren sehr interessant finde, aber das muss ich wohl korrigieren. Wie überall (genau wie auch in der christlichen Kirche) gibt es wohl auch im Buddhismus einige sehr weise und tiefsinnige Menschen und viele Normal-Verrückte.
Auffällig ist aber, das der Buddhismus in Asien boomt und überall Tempelanlagen gebaut oder erweitert werden - ganz im Gegensatz zur christlichen Kirche, die ja eher so vor sich hin wurschtelt...

Insgesamt war das Ganze aber auf jeden Fall eine extrem interessante Erfahrung und auch wenn ich mir wahrscheinlich etwas Spott dafür werde anhören müssen, dass ich so früh abgebrochen habe, habe ich eigentlich das Gefühl, alles genau richtig gemacht zu haben und das Maximum an Erfahrungen rausgeholt zu haben. Als zweite Chance liegt ja auch noch der Meditationsretreat im März in Indien vor mir und immerhin hatte ich von anderen gehört, dass die Meditationstradition dort komplett anders und gewissermaßen "religionsbefreit" sei. Ich habe aber nun noch größere Bedenken, ob ich die 10 Tage dort schaffen kann, vor allem wegen der starken Knieschmerzen beim Sitzen. Vorgenommen habe ich mir aber, die nächsten Tage jeweils morgens und abends zu meditieren und auch täglich Sport zu machen, auch um etwas Routine in die Tage zu bekommen.

Als nächstes geht es für mich weiter mit dem Roller nach Pai und möglicherweise auch zu einer Elefantenstation. Bis dahin! ;-)