Karls Gastpost: Indischer Verkehr

Die Inder haben keine Ahnung von Verkehr, außer von Geschlechtsverkehr.
— Karl A., 2016

Als Mensch, der in den globalen Norden geboren wurde, ist der alltägliche Wahnsinn auf Indiens Straßen selbstverständlich eines der ersten Dinge, die einem nach der Landung auffallen. Der Kontrast ist groß, besonders weil man zuerst selbstverschuldet den “Linksverkehr” unterschätzt und beinahe von einem LKW überrollt wird. “Linksverkehr” deshalb, weil oft eher in der Mitte oder rechts gefahren wird, um zu überholen. Somit handelt es sich im Mittelwert um einen Halb-Linksverkehr.
Eigentlich ist es wie überall (Taiwan, Iran, China, Vietnam etc.): Chaos, Stress, Gehupe und eine höhere Unfallrate (und das sage ich jetzt mal ohne irgendwelche Quellen zu konsultieren, stimmt auch so).
Und im Zuge dieses Beitrags möchte ich auch gerne mit einer weit verbreiteten Fehleinschätzung aufräumen, nämlich der, dass das hiesige Chaos-System gleichwertig mit der zivilisierten Ordnung des Nordens (Deutschland, Schweden, VK, VS, Österreich, ...) ist. Das ist leider nicht so, hier gibt es mehr Unfälle, Verkehrstote, es geht langsamer voran, man hat ständig Angst, Lärmbelästigung durch Hupen, uswusf. (Quelle: Katharina Scholz). Klar, die ökonomischen Mittel für ABS, Airbag und automatische  Abstandssysteme sind nicht da, aber links vor rechts etc. würde schon helfen. 
Denn auf unserer kleinen Rollertour haben wir, obwohl meist auf unbefahrenen Wegen unterwegs, Verkehrsverletzte gesehen, brenzlige Situationen erlebt und den Kopf geschüttelt: Da das Tragen eines Gurtes nur auf der Autobahn kontrolliert wird schnallte sich unser Fahrer ab, sobald er, ohne den Blinker zu setzen, von dieser herunter fuhr. Wie hoch muss der negative Nutzen vom Gurt-Tragen, wie klein die subjektive Wahrscheinlichkeit eines Unfalls sein, damit dieses Verhalten einen positiven Erwartungsnutzen erzeugt?
Somit stellt sich auch die Frage zum Versagen  des Kolonialismuses: Wie kann es sein, das die Leute hier auch Jahrzehnte nach Abzug der Engländer und Portugiesen massiv christlich sind aber immer noch so fahren, als gebe es kein Morgen? Dies ist bedenklich, denn sowohl die Loslösung vom Glauben, als auch geregelter Verkehr würden Leben retten und ein längeres, selbstbestimmtes Leben unterstützen. 
Noch in Goa fiel auf, dass alle größeren Lastwagen die Aufschrift "Blow OK Horn" trugen - die Aufforderung an andere Verkehrsteilnehmer, vor dem Überholen zu hupen. Mithin eine völlig andere Funktion der Hupe als bei uns. Als wir dann nach einer Woche Goa in Mumbai ankamen, zeigte sich zweierlei: Erstens dass sich der indische Verkehr außerhalb der Provinz chaostechnisch keinesfalls hinter anderen Städten verstecken muss, sondern in der Großstadt durchaus maximal chaotisch ist und dass wenn jeder Überholversuch mit Hupen angekündigt wird, ein ohrenbetäubender Lärm entsteht.
Der Verkehr in Mumbai ist wirklich verrückt. Jegliche selbstverständlich erscheinenden Regeln werden missachtet. Auf beiden Spuren kann irgendwie in beide Richtungen gefahren werden, Ampeln sind nur Empfehlungen, die Straßen sind uneben wie die Haut eines Teenagers. Das es nicht dauernd kracht, liegt an der bewundernswerten Ruhe der indischen Verkehrsteilnehmer und der sehr langsamen Geschwindigkeit des Verkehrs. So ruckelt und tuckert man dahin, bremst ab, wenn in anderes Gefährt den Weg blockiert und schneidet anderen den Weg ab. 
Positiv ist, dass wir uns dank der billigen Preise (eine Fahrt zwischen 20 Cent und 5 Euro) nur noch chauffieren ließen und teilweise selbst kürzeste Strecken im Tuktuk, Taxi oder Uber-Auto zurücklegten, wobei Lino sich in diesem Punkt besonders konsumfreudig zeigte.